Gemäß Cicero ist eine Gemeinschaft
ein Zusammenschluss von Menschen mit gemeinsamen Interessen. Dies, in
nicht ganz so knappen Worten, schrieb er in seinem
staatsphilosophischen Werk „de re publica“ vor rund 2000 Jahren
und bis heute hat diese These Bestand -könnte man meinen.
Aber, ist es noch immer eine
Gemeinschaft, wenn die Gruppierung nicht mehr aus den ursprünglichen
Mitgliedern besteht, sondern nunmehr aus Menschen, die viele
Generationen nach der „Gründung“ in sie hineingeboren wurden?
Können diese neuen Mitglieder mit
Recht behaupten, Teil jenes Zusammenschlusses auf Basis gemeinsamer
Interessen zu sein? Und wenn ja, sind die Interessen noch immer die
gleichen geblieben oder haben sie sich verschoben?
Wie sehen diese Interessen eigentlich
aus?
Gemessen an der Bundesrepublik
Deutschland -welche Namen tragen diese Interessen?
Ich sitze hier an meinem Laptop und
tippe diese Zeilen mit all ihren Worten und Fragezeichen, doch
möchten mir beim besten Willen keine Antworten einfallen.
Was sind die Interessen der
Gemeinschaft mit Namen „Bundesrepublik Deutschland“?
Je länger ich darüber nachdenke,
desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass die Gemeinschaft im Ganzen
kaum mehr als eine Ansammlung von Menschen ist, deren alleinige Basis
darin besteht, dass sie eine einigermaßen einheitliche Sprache
sprechen, nämlich Deutsch.
Aber, darin lässt sich noch keine
Gemeinschaft erkennen. Wenn die Sprache die Gemeinsamkeit ist, so
sind viele Deutsche gleichsam auch Franzosen, Engländer, Spanier
usw..
Es müssen noch andere Interessen
vorliegen.
Ist es die Liebe zum Ackerbau? Wohl
kaum, denn schon längst ist die Republik, trotz ihrer zahlreichen
Agrarflächen, eine sogenannte Dienstleistungsgesellschaft. Auch auf
dem Industriesektor hat die Nation viel zu bieten und auch hier wird
weder Gerste angebaut noch Mais geerntet.
Möglich also, dass sich die
Gemeinschaft mit Namen Bundesrepublik Deutschland aus diesen drei
großen Faktoren zusammensetzt und sich somit aufrechterhält. Einige
erzeugen die Nahrung, andere vertreiben sie, wieder andere verfeinern
sie zu etwas schmackhaftem und zuletzt gibt es noch diejenigen, die
die Maschinen bauen und die Gebäude errichten, mit denen das
Erzeugen, Vertreiben und Verfeinern erst möglich gemacht wird.
Dies könnte ein denkbarer Ansatz sein.
Ein jeder lebt für sich allein, und dann und wann greifen die
Zahnräder des Einzelnen ineinander und ermöglichen einen
reibungslosen Ablauf des Zurechtkommens.
Doch die Gemeinschaft mit Namen
Bundesrepublik Deutschland reklamiert für sich mehr zu sein als
jener lose produktive Verbund. Sie spricht von sich als Rechts- und
Sozialstaat.
Regeln wurden (und werden noch immer)
aufgebaut. Richtlinien und Gebote, nach denen ein friedvolles und
soziales Miteinander möglich ist. Es scheint daher so zu sein, dass
die Menschen in der behandelten Gemeinschaft über ihren eigenen
Tellerrand hinausschauen und Kontakt zu den anderen Individuen
aufbauen möchten. Zum einen möchten sie sichergehen, dass sie sich
dabei nicht selbst gefährden, und zum anderen möchten sie anderen
helfen, wenn es diesen schlecht geht, bzw. möchten, dass man ihnen
im Falle einer Not ebenso beisteht.
In dem Wort Sozialstaat steckt der
lateinische Begriff des Sozius, was in der Übersetzung Begleiter
bedeutet. Die Menschen möchten also teilnehmen am Leben und Streben
der Menschen in ihrer Umgebung.
So, der ursprüngliche Gedanke der
Gründungsmitglieder, glaube ich.
Wie verhält es sich aber mit den
Menschen, die heute Teil dieser Gemeinschaft sind?
Wenn ich mir die Berichte der Tagesschau ansehe oder die Zeitung lese, beschleicht mich mehr und mehr der Verdacht, dass es den Menschen in Deutschland zwar gefällt, sie aber nicht Teil des gemeinschaftlichen Systems sein möchten. Die Arbeitgeberseite verweigert eine Anpassung des Lohnniveaus und Privatpersonen fordern eine Beschneidung des Sozialapparats.
Wenn ich mir die Berichte der Tagesschau ansehe oder die Zeitung lese, beschleicht mich mehr und mehr der Verdacht, dass es den Menschen in Deutschland zwar gefällt, sie aber nicht Teil des gemeinschaftlichen Systems sein möchten. Die Arbeitgeberseite verweigert eine Anpassung des Lohnniveaus und Privatpersonen fordern eine Beschneidung des Sozialapparats.
Auch auf dem familiären Sektor hat
sich viel getan. Die generationsübergreifenden Bande lösen sich
auf. Die Zeiten, in denen von der Urgroßmutter bis zum jüngsten
Kind alle im gleichen Haus oder in der gleichen Siedlung gewohnt
haben, sind vorbei. Junge Eltern schreien nach Selbstverwirklichung
und gehen arbeiten und aus Kindergärten werden Depots.
Auch Altenheime erfreuen sich stetig
wachsender Beliebtheit. Viele verkommen zu Verwahranstalten, denen
man einen lustigen Besuch abstatten kann, wenn der Zoo an einem
sonnigen Sonntagnachmittag überfüllt ist.
Und zuletzt gibt es dann noch die
junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren.
Sie sitzt in der Bahn auf dem Weg von A
nach B. Es ist ein frischer Sommertag und unter der Strumpfhose, die
sie trägt, kann man die Silhouette ihrer Beine erahnen. Gleiches
gilt für die Bekleidung des Oberkörpers.
Sie ist in ein Buch vertieft und wartet
darauf, dass ihre Haltestelle ausgerufen wird.
Sie ist, obgleich sich in der Bahn
viele Menschen befinden, alleine unterwegs.
Da gesellt sich mit einem Mal ein Mann
zu ihr. Sie kennt ihn nicht und auch er hat keine Ahnung, wie sie
heißt, aber er scheint sehr an ihr interessiert und macht dies auch
deutlich.
Er spricht mit ihr und betont, wie
schön er sie finde und dass er sie gerne kennen lernen möchte.
Wohin sie führe, will er wissen, und schließlich erkundigt er auch
nach ihrem Namen.
Sie schweigt unentwegt und dann und
wann lässt sie durchblicken, dass sie allein sein will. Ihn stört
das nicht weiter. Die paar Worte, die die junge, volljährige Frau
von ungefähr 25 Jahren an ihn richtet, stoßen nicht nur auf taube
Ohren, sie schüren auch ein Unverständnis.
Das wäre doch nicht ihr Ernst,
analysiert der aufdringliche, ihr fremde Mann. Er wüsste genau, dass
sie nichts lieber täte, als mit ihm zu gehen.
Schließlich versucht er, sich ihr auch
physisch zu nähern, und streichelt eines ihrer bestrumpfhosten
Beine.
Energisch entfernt die junge,
volljährige, alleinreisende Frau von ungefähr 25 Jahren die Hand
des aufdringlichen Fremden und faucht ihn an, er solle endlich damit
aufhören und sie in Ruhe lassen.
Hier nun zeigt sich, dass der Mann
stärker ist als sie und noch immer nicht willens, sein Unterfangen
abzubrechen. Ein weiteres Mal fährt seine Hand vor und nun
umklammert der Mann das Bein der Frau, der es nun nicht mehr möglich
ist, die Hand wegzustoßen.
Da krächzen plötzlich rettende Worte
durch die Lautsprecheranlage des öffentlichen Verkehrsmittels und
die junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren erhebt sich
schnell. Sie schafft es, sich aus der Umklammerung zu befreien und
eilt in Richtung der Tür, die sich kurz darauf auch öffnet.
Sie verlässt die Bahn und der Mann
bleibt zurück.
Ich wiederhole, was ich eingangs dieser
kleinen Episode schrieb: Die Bahn war voller Menschen, doch die
junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren war allein!
Keiner der anderen Fahrgäste hatte es
für nötig gehalten, einzuschreiten.
Wo also ist hier eine Gemeinschaft zu
finden?
Ich schätze, dass in einem Raum einer
durchschnittlichen Bahn wenigstens vierzig Menschen Platz haben, mehr
noch, wenn einige stehen.
Gesetzt des Falles, dass sich die
junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren mittig im Raum
aufgehalten hat, so waren (ebenfalls geschätzt), mindestens zwanzig
weitere Personen in Hörweite und es ist nicht davon auszugehen, dass
all diese Personen älteren Semesters, sagen wir 70+, waren.
Selbst, wenn der aufdringliche Mann von
sportlicher und gestärkter Statur gewesen wäre, hätte doch eine
beherzte Formation von vier bis fünf Personen locker ausreichen
müssen, um das Szenario mit sofortiger Wirkung zu beenden.
Allerdings gab es solch eine Formation
nicht!
Ich wiederhole: Wo also ist hier eine
Gemeinschaft zu finden?
Wo der Rechts- und Sozialstaat oder
zumindest ein grundsätzliches Verständnis und Empfinden für jenen?
Kann es wirklich so sein, dass all die
Zeugen so sehr um ihr eigenes Wohlbefinden besorgt waren, dass sie
die junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren lieber
„opferten“, um sich selbst zu schützen?
Oder liegt hier ein viel größeres
Übel vor? Eine allgegenwärtige Ignoranz?
Ein Einschreiten in dieser klassischen
Jungfrau-in-Nöten-Geschichte hätte kein Heldentum bedeutet, sondern
einfach eine simple Existenz von Menschlichkeit und Selbstreflexion,
schließlich könnte die junge, volljährige Frau von ungefähr 25
Jahren jederzeit durch einen jungen volljährigen Mann von ungefähr
25 Jahren ersetzt werden oder schlimmer noch, durch ein kleines Kind
von ungefähr 7.
Nun sieht eine junge, volljährige Frau
von ungefähr 25 Jahren auch ungefähr aus wie 25 oder zumindest
volljährig.
Daher kann eine mögliche Erklärung
für die vollständige Abwesenheit von Hilfe auch so lauten: Sie ist
erwachsen, sie hat sich so angezogen. Sie wird schon wissen, was sie
tut. Wenn sie das, was der Kerl will, selber nicht will, kann sie ja
gehen!!!
Ich kann für mich nicht sagen, welche
der drei Überlegungen vorherrschend war. Wahrscheinlich war es ein
Mix aus allen und leider kann ich auch nicht sagen, wie ich mich
verhalten hätte.
Gerne würde ich hier schreiben, dass
ich mich berherzt erheben und ebenso beherzt zu Hilfe eilen würde,
aber das wäre gelogen, oder zumindest nicht ehrlich.
Zudem (und wieder allgemein
gesprochen), wäre die junge, volljährige Frau von ungefähr 25
Jahren keine hübsche Person, die in eine sexuell motivierte
Bedrängnis geraten wäre, sondern außerordentlich hässlich und
frei von jeglicher Eitelkeit und würde gemobbt, wäre die
Wahrscheinlichkeit, dass jemand einschreitet, noch geringer, wenn
nicht gar gleich NULL!
So funktioniert, meines Erachtens nach,
Gemeinschaft im Land mit Namen Bundesrepublik Deutschland -nämlich
gar nicht...


