Sonntag, 7. Oktober 2012

Überlegungen über den alltäglichen Umgang mit dem Inhalt des Wortes „Gemeinschaft“

Gemäß Cicero ist eine Gemeinschaft ein Zusammenschluss von Menschen mit gemeinsamen Interessen. Dies, in nicht ganz so knappen Worten, schrieb er in seinem staatsphilosophischen Werk „de re publica“ vor rund 2000 Jahren und bis heute hat diese These Bestand -könnte man meinen.
Aber, ist es noch immer eine Gemeinschaft, wenn die Gruppierung nicht mehr aus den ursprünglichen Mitgliedern besteht, sondern nunmehr aus Menschen, die viele Generationen nach der „Gründung“ in sie hineingeboren wurden?
Können diese neuen Mitglieder mit Recht behaupten, Teil jenes Zusammenschlusses auf Basis gemeinsamer Interessen zu sein? Und wenn ja, sind die Interessen noch immer die gleichen geblieben oder haben sie sich verschoben?
Wie sehen diese Interessen eigentlich aus?
Gemessen an der Bundesrepublik Deutschland -welche Namen tragen diese Interessen?

Ich sitze hier an meinem Laptop und tippe diese Zeilen mit all ihren Worten und Fragezeichen, doch möchten mir beim besten Willen keine Antworten einfallen.
Was sind die Interessen der Gemeinschaft mit Namen „Bundesrepublik Deutschland“?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass die Gemeinschaft im Ganzen kaum mehr als eine Ansammlung von Menschen ist, deren alleinige Basis darin besteht, dass sie eine einigermaßen einheitliche Sprache sprechen, nämlich Deutsch.
Aber, darin lässt sich noch keine Gemeinschaft erkennen. Wenn die Sprache die Gemeinsamkeit ist, so sind viele Deutsche gleichsam auch Franzosen, Engländer, Spanier usw..
Es müssen noch andere Interessen vorliegen.
Ist es die Liebe zum Ackerbau? Wohl kaum, denn schon längst ist die Republik, trotz ihrer zahlreichen Agrarflächen, eine sogenannte Dienstleistungsgesellschaft. Auch auf dem Industriesektor hat die Nation viel zu bieten und auch hier wird weder Gerste angebaut noch Mais geerntet.
Möglich also, dass sich die Gemeinschaft mit Namen Bundesrepublik Deutschland aus diesen drei großen Faktoren zusammensetzt und sich somit aufrechterhält. Einige erzeugen die Nahrung, andere vertreiben sie, wieder andere verfeinern sie zu etwas schmackhaftem und zuletzt gibt es noch diejenigen, die die Maschinen bauen und die Gebäude errichten, mit denen das Erzeugen, Vertreiben und Verfeinern erst möglich gemacht wird.
Dies könnte ein denkbarer Ansatz sein. Ein jeder lebt für sich allein, und dann und wann greifen die Zahnräder des Einzelnen ineinander und ermöglichen einen reibungslosen Ablauf des Zurechtkommens.

Doch die Gemeinschaft mit Namen Bundesrepublik Deutschland reklamiert für sich mehr zu sein als jener lose produktive Verbund. Sie spricht von sich als Rechts- und Sozialstaat.
Regeln wurden (und werden noch immer) aufgebaut. Richtlinien und Gebote, nach denen ein friedvolles und soziales Miteinander möglich ist. Es scheint daher so zu sein, dass die Menschen in der behandelten Gemeinschaft über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen und Kontakt zu den anderen Individuen aufbauen möchten. Zum einen möchten sie sichergehen, dass sie sich dabei nicht selbst gefährden, und zum anderen möchten sie anderen helfen, wenn es diesen schlecht geht, bzw. möchten, dass man ihnen im Falle einer Not ebenso beisteht.
In dem Wort Sozialstaat steckt der lateinische Begriff des Sozius, was in der Übersetzung Begleiter bedeutet. Die Menschen möchten also teilnehmen am Leben und Streben der Menschen in ihrer Umgebung.
So, der ursprüngliche Gedanke der Gründungsmitglieder, glaube ich.

Wie verhält es sich aber mit den Menschen, die heute Teil dieser Gemeinschaft sind?
Wenn ich mir die Berichte der Tagesschau ansehe oder die Zeitung lese, beschleicht mich mehr und mehr der Verdacht, dass es den Menschen in Deutschland zwar gefällt, sie aber nicht Teil des gemeinschaftlichen Systems sein möchten. Die Arbeitgeberseite verweigert eine Anpassung des Lohnniveaus und Privatpersonen fordern eine Beschneidung des Sozialapparats.
Auch auf dem familiären Sektor hat sich viel getan. Die generationsübergreifenden Bande lösen sich auf. Die Zeiten, in denen von der Urgroßmutter bis zum jüngsten Kind alle im gleichen Haus oder in der gleichen Siedlung gewohnt haben, sind vorbei. Junge Eltern schreien nach Selbstverwirklichung und gehen arbeiten und aus Kindergärten werden Depots.
Auch Altenheime erfreuen sich stetig wachsender Beliebtheit. Viele verkommen zu Verwahranstalten, denen man einen lustigen Besuch abstatten kann, wenn der Zoo an einem sonnigen Sonntagnachmittag überfüllt ist.
Und zuletzt gibt es dann noch die junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren.
Sie sitzt in der Bahn auf dem Weg von A nach B. Es ist ein frischer Sommertag und unter der Strumpfhose, die sie trägt, kann man die Silhouette ihrer Beine erahnen. Gleiches gilt für die Bekleidung des Oberkörpers.
Sie ist in ein Buch vertieft und wartet darauf, dass ihre Haltestelle ausgerufen wird.
Sie ist, obgleich sich in der Bahn viele Menschen befinden, alleine unterwegs.
Da gesellt sich mit einem Mal ein Mann zu ihr. Sie kennt ihn nicht und auch er hat keine Ahnung, wie sie heißt, aber er scheint sehr an ihr interessiert und macht dies auch deutlich.
Er spricht mit ihr und betont, wie schön er sie finde und dass er sie gerne kennen lernen möchte. Wohin sie führe, will er wissen, und schließlich erkundigt er auch nach ihrem Namen.
Sie schweigt unentwegt und dann und wann lässt sie durchblicken, dass sie allein sein will. Ihn stört das nicht weiter. Die paar Worte, die die junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren an ihn richtet, stoßen nicht nur auf taube Ohren, sie schüren auch ein Unverständnis.
Das wäre doch nicht ihr Ernst, analysiert der aufdringliche, ihr fremde Mann. Er wüsste genau, dass sie nichts lieber täte, als mit ihm zu gehen.
Schließlich versucht er, sich ihr auch physisch zu nähern, und streichelt eines ihrer bestrumpfhosten Beine.
Energisch entfernt die junge, volljährige, alleinreisende Frau von ungefähr 25 Jahren die Hand des aufdringlichen Fremden und faucht ihn an, er solle endlich damit aufhören und sie in Ruhe lassen.
Hier nun zeigt sich, dass der Mann stärker ist als sie und noch immer nicht willens, sein Unterfangen abzubrechen. Ein weiteres Mal fährt seine Hand vor und nun umklammert der Mann das Bein der Frau, der es nun nicht mehr möglich ist, die Hand wegzustoßen.
Da krächzen plötzlich rettende Worte durch die Lautsprecheranlage des öffentlichen Verkehrsmittels und die junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren erhebt sich schnell. Sie schafft es, sich aus der Umklammerung zu befreien und eilt in Richtung der Tür, die sich kurz darauf auch öffnet.
Sie verlässt die Bahn und der Mann bleibt zurück.

Ich wiederhole, was ich eingangs dieser kleinen Episode schrieb: Die Bahn war voller Menschen, doch die junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren war allein!
Keiner der anderen Fahrgäste hatte es für nötig gehalten, einzuschreiten.
Wo also ist hier eine Gemeinschaft zu finden?
Ich schätze, dass in einem Raum einer durchschnittlichen Bahn wenigstens vierzig Menschen Platz haben, mehr noch, wenn einige stehen.
Gesetzt des Falles, dass sich die junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren mittig im Raum aufgehalten hat, so waren (ebenfalls geschätzt), mindestens zwanzig weitere Personen in Hörweite und es ist nicht davon auszugehen, dass all diese Personen älteren Semesters, sagen wir 70+, waren.
Selbst, wenn der aufdringliche Mann von sportlicher und gestärkter Statur gewesen wäre, hätte doch eine beherzte Formation von vier bis fünf Personen locker ausreichen müssen, um das Szenario mit sofortiger Wirkung zu beenden.
Allerdings gab es solch eine Formation nicht!
Ich wiederhole: Wo also ist hier eine Gemeinschaft zu finden?
Wo der Rechts- und Sozialstaat oder zumindest ein grundsätzliches Verständnis und Empfinden für jenen?
Kann es wirklich so sein, dass all die Zeugen so sehr um ihr eigenes Wohlbefinden besorgt waren, dass sie die junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren lieber „opferten“, um sich selbst zu schützen?
Oder liegt hier ein viel größeres Übel vor? Eine allgegenwärtige Ignoranz?
Ein Einschreiten in dieser klassischen Jungfrau-in-Nöten-Geschichte hätte kein Heldentum bedeutet, sondern einfach eine simple Existenz von Menschlichkeit und Selbstreflexion, schließlich könnte die junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren jederzeit durch einen jungen volljährigen Mann von ungefähr 25 Jahren ersetzt werden oder schlimmer noch, durch ein kleines Kind von ungefähr 7.
Nun sieht eine junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren auch ungefähr aus wie 25 oder zumindest volljährig.
Daher kann eine mögliche Erklärung für die vollständige Abwesenheit von Hilfe auch so lauten: Sie ist erwachsen, sie hat sich so angezogen. Sie wird schon wissen, was sie tut. Wenn sie das, was der Kerl will, selber nicht will, kann sie ja gehen!!!

Ich kann für mich nicht sagen, welche der drei Überlegungen vorherrschend war. Wahrscheinlich war es ein Mix aus allen und leider kann ich auch nicht sagen, wie ich mich verhalten hätte.
Gerne würde ich hier schreiben, dass ich mich berherzt erheben und ebenso beherzt zu Hilfe eilen würde, aber das wäre gelogen, oder zumindest nicht ehrlich.

Zudem (und wieder allgemein gesprochen), wäre die junge, volljährige Frau von ungefähr 25 Jahren keine hübsche Person, die in eine sexuell motivierte Bedrängnis geraten wäre, sondern außerordentlich hässlich und frei von jeglicher Eitelkeit und würde gemobbt, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einschreitet, noch geringer, wenn nicht gar gleich NULL!

So funktioniert, meines Erachtens nach, Gemeinschaft im Land mit Namen Bundesrepublik Deutschland -nämlich gar nicht...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen